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Meine Reise über Aachen nach Dresden und Leipzig
vom 16. bis 23. Juni 2009



Auf nach Leipzig, auf zur Nikolaikirche…


Am Dienstagmorgen fuhr ich dann von Senftenberg aus mit dem Zug zunächst nach Leipzig. 1:30 Std. dauert die Fahrt und während ich so im Zug saß ging mir einiges von dem was ich in den letzten Tagen gesehen hatte durch meinen Kopf. Ich bin kein "CDU Mann" aber ich musste wieder an unseren Altkanzler Helmut Kohl denken und an das was ich bei meinem ersten Besuch in Dresden dachte als ich auf der Augustusbrücke stand. Eigentlich sollte ich Helmut Kohl einen e-Mail schicken und ihm schreiben das ich sehr viele "blühenden Landschaften" in der ehemaligen DDR gesehen habe… Wenn ich die richtigen Worte dafür finde werde ich es vielleicht auch tatsächlich tun…

Ich fahre sehr gerne mit dem Zug und während draußen die Landschaft so an mir vorbeizieht kann ich herrlich über Gott und die Welt nachdenken. Auf einem alten fast zerfallenen Bahnhofsgebäude steht in großen Buchstaben ein schönes Wort… "Freiheit" steht dort und ich denke wieder einmal darüber nach was dieser Begriff eigentlich bedeutet und wie einige Zeitgenossen ihn interpretieren.

    

Für die meisten Menschen in der ehemaligen DDR hatte dieses Wort wohl eine ganz besondere Bedeutung und vieles, was für uns (im Westen) ganz normal und selbstverständlich war, war zu DDR-Zeiten für die dort lebenden Menschen einfach unmöglich. Auch wenn sich dann herausstellte das es mit der Freiheit doch nicht ganz so einfach ist und man damit auch umzugehen lernen muss, so ist es doch alles in allem gut, wenn ich heute sehe wie schnell viele Menschen das begriffen haben und heute ihre Freiheit in vollen Zügen genießen können.

Hier sitze ich nun in einem fast leeren Abteil und mir geht die ganze Reise nochmals durch den Kopf. Es hat wieder einmal alles geklappt bei dieser Reise. Mir ist nichts passiert und ich nehme meinen stetigen Reisebegleiter, den ich in meiner Hosentasche habe, in meine Hand… Er ist ein Geschenk, das ich von meiner Oma Lisa erhielt als ich gerade meine Führerscheinprüfung bestanden hatte und mir mein erstes Auto angeschafft habe. Es ist eine kleine Plakette mit einem Christopherus die mich seitdem überall hin begleitet hat und ohne die ich auch keine Reise antreten würde. Sie befindet sich nun schon seit 39 Jahren in meinem Besitz und der Christopherus ist schon richtig abgenutzt und kaum noch erkennbar. Trotzdem ist sie für mich etwas ganz Besonderes.


Apropos Oma Lisa… Sie war zu ihren Lebzeiten schon wie ein Schutzengel für mich und ich bin felsenfest davon überzeugt, dass sie, zusammen mit meiner Mutter, das Heer der Schutzengel, die von "dort oben" aus auf mich aufpassen, anführt.

Heute steht der Besuch der Nikolai Kirche auf meinem Programm. Ich werde dort eine Kerze anzünden und mich mit einem Gebet dafür bedanken, das wieder einmal alles gut gegangen ist. Ich muss nicht extra in eine Kirche gehen um dort zu beten, denn das kann ich überall machen. Ich bin auch nicht der Typ der jeden Sonntag in die Kirche geht nur um anderen zu zeigen das ich ein gläubiger Mensch bin aber heute freue ich mich auf die Nikolaikirche. Wenn ich dann schon einmal dort bin, dann bete ich halt auch nochmal in einer Kirche. Sie ist nach der Frauenkirche in Dresden nun schon die zweite Kirche in der ich das wärend dieser Reise tue. Ich weiss auch das "so einige andere" mich da nicht ganz verstehen und des öfteren sogar darüber lachen aber das macht mir nichts aus. Ich denke aber das Gott mich und meine Einstellung zu ihm und der Kirche versteht und das ist mir wichtiger...
Ich bin katholisch erzogen worden und die Nikolaikirche ist eine evangelische Kirche… Na und? Der Gott der evangelischen Gläubigen ist derselbe, wie der der katholischen…


Jeder sollte hier seine eigene Meinung haben und ich bin niemand, der da etwas besser wissen will und anderen Vorschriften machen möchte. Als ich einmal sagte, dass ich fast täglich mit Gott rede, wurde ich gefragt ob er mir denn schon einmal geantwortet habe… Ich habe darauf geantwortet, das ich oft, vor allem dann wenn ich ein Problem habe, mit meiner vor nun schon fast 40 Jahren verstorbenen Mutter rede und ich schon sehr oft das Gefühl hatte das mir das irgendwie hilft... auch wenn Gott noch nie mit mir gesprochen hat, so habe ich doch (zumindest für meine Begriffe) jede Menge Antworten von ihm erhalten... Ich denke auch das jeder, der mit offenen Augen durch diese Welt geht, viele Antworten finden kann. Mir macht es Spaß anderen Menschen zu helfen und selbst Menschen die von Gott nichts wissen wollen habe ich in Notfällen schon helfen können und sie sagen hören: "Dich hat mir der Himmel geschickt..." Ob sie immer wussten wie sie das und was sie damit gemeint haben...?
Man kann natürlich auch (wie das bei vielen Menschen nun halt leider nun einmal so ist) alles in Frage stellen… Man glaubt halt oder man glaubt eben nicht. Ich glaube (ich sage ja nicht: "ich weiss") und damit tue ich wohl niemandem weh…

Auch das ist für mich Freiheit und die kann mir niemand nehmen!


Tja, was man wärend einer Zugfahrt nicht alles so denkt. Irgendwie zieht gerade mein ganzes Leben an mir vorbei. Dabei wollte ich eigentlich nur einige Notizen für meinen Reisebericht aufs Papier bringen... Typisch Willy eben und so bin ich nun halt mal... Heute ist der 23. Juni. Gestern ist meine Älteste schon 34 Jahre alt geworden… Mensch wie schnell doch die Zeit vergeht… und wie alt bin ich doch schon…

Dann fällt mir noch etwas ein, denn mein "Lieblingsonkel" Josef hatte mir noch gesagt das sein Bruder, mein Onkel Hans, am 23.6. Geburtstag hat und 80 Jahre alt wird. Mein lieber Scholli, 80 Jahre… und obwohl ich zu Onkel Hans eigentlich nie großartig Kontakt gepflegt habe sollte ich mich doch heute einmal bei ihm melden und ihm zu seinem Ehrentag gratulieren. Mein „Elefantengedächtnis“ holt den wohl schwärzesten Tag meines Lebens wieder hervor. Es war der 13. Oktober 1969, der Tag als meine Mutter starb. Er hat mich noch am Abend des gleichen Tages wieder zum Lachen gebracht und das hätte ich an diesem "schwarzen" Montagmorgen nun wirklich nicht für möglich gehalten. Außerdem hat er 1969 etwas Unmögliches möglich gemacht und für meine Mutter eine "Medizin" aus Österreich besorgt. Die Kopie des Briefes den er damals nach Österreich geschickt hat besitze ich auch heute noch. Auch wenn für meine Mutter damals leider jede Hilfe zu spät kam, so werde ich ihm seinen Einsatz in dieser Sache doch niemals vergessen…

    

Als ich dann so gegen 11:00 Uhr am Leipziger Hauptbahnhof ankomme steht erst einmal das Geburtstagstelefonat an und wie das denn so ist… man meldet sich nie und wenn man’s dann mal tut, ist der Teilnehmer nicht erreichbar. Wahrscheinlich hat da bereits irgendwo seine "Geburtstagsparty" begonnen und ihm werden sicherlich seine Hände vom vielen Schütteln wehtun… So hinterlasse ich ihm eine Nachricht auf seinem Anrufbeantworter und werde in der Nikolaikirche eine Kerze für ihn anzünden und ein kleines Geburtstagsgebet für ihn sprechen.

Für mich hat Leipzig den schönsten Bahnhof den ich bis heute in Deutschland gesehen habe. 2005 erzählte mir dort ein Bahnangestellter, das geplant sei einen Tunnel zu bauen durch den auch Züge durch die Stadt fahren könnten denn Leipzig besitzt einen Kopfbahnhof (eine Art "Sackbahnhof") an dem man nur von einer Seite her an die Stadt heranfahren kann. Mal sehen, wie weit man mit diesem Tunnel ist.

Zunächst habe ich mich aber umgesehen wo denn der Bus, der mich zum Flughafen bringen soll, abfährt. Als das geklärt war ging es darum, wann und wo die Busse für die Stadtrundfahrten abfahren. Um 13:00 Uhr ist Abfahrt und die dauert dann bis 14:30 Uhr. Das passt genau, denn um 14:45 Uhr ist Abfahrt mit dem Bus zum Flughafen nach Altenburg. Dann traf ich ein älteres Ehepaar die wohl nicht sicher waren in welche Richtung sie denn gehen sollten und fragte die beiden ob ich eventuell helfen könne. Sie wollten zur Nikolaikirche… also genau dahin wo ich hin wollte. Da ich schon einmal dort war, kannte ich den Weg und so nahm ich die beiden ins "Schlepptau"… Sie waren aus Geilenkirchen und als ich ihnen sagte das ich dort meine Bundeswehrzeit verbracht hatte, kamen wir ins Gespräch. Sie wollten unbedingt sehen wo die Montagsdemos denn 1989 losgingen und wussten sehr viel über diese Kirche wie ich auf dem Weg dorthin erfuhr.

Ich war in 2005 schon einmal in der Nikolaikirche, dort hatten wir leider nur sehr wenig Zeit und die reichte nur für einen kurzen Blick in diese Kirche in der am 9. Oktober 1989 eigentlich alles begann… Hier fanden jeden Montag die bekannten Montagsgebete statt. Als ich in 2005 in diese Kirche kam, stand dort der Pfarrer Christian Führer im Mittelgang und erzählte den Anwesenden wie das denn 1989 alles so vor sich ging. Ich war damals so fasziniert, das ich noch Stunden hätte zuhören können was und vor allem wie er es erzählte. Leider mussten wir weiter aber ich nahm mir vor noch einmal hierher zurück zu kommen und mir das alles anzusehen und Informationen über diese Kirche zu sammeln.

    

Die Nikolaikirche ist eine evangelische Kirche in die man einfach hineingeht, durchgeht, sich umsieht, fotografieren darf, sich unterhalten kann… Sie ist einfach ein offenes Haus! Selbst am Altar findet man keine Barrieren, kein Verbotsschild sondern das genaue Gegenteil. Dort steht ein Schild das Dich einlädt, diesen Altarvorraum zu betreten… Die Bänke in der Kirche sind weiss, die vielen Pfeiler ebenfalls und die Decke der Kirche sieht mit ihren Verzierungen einfach fantastisch aus. Diese Kirche hat etwas das ich nicht beschreiben kann, sie hat auf mich einfach eine ganz besondere Wirkung…

Nun möchte ich aber zunächst eine Kerze anzünden. Das ist in unserer Familie fast schon Tradition wenn wir ein Kirche besuchen. Heute wird es sogar eine Geburtstagskerze sein und so gehe ich also in einen Nebenraum der Kirche und fragte dort nach, wo ich denn eine Kerze kaufen könnte. Daraufhin sah der freundliche Herr dort erst einmal nach ob denn im Osterlichtbaum (dort kann man die Kerzen hineinsetzen) noch freie Plätze sind. 2 Plätze waren frei und so gab er mir 2 Kerzen. Eine Kerze hátte mir ja gereicht, nun gut dann bekommt Onkel Hans eben "seine eigene Kerze" und die andere ist dann eben für den Rest der Familie... Auf meine Frage, was die Kerzen denn kosten, sagte er mir: "die schenke ich ihnen aber wenn sie möchten dürfen sie etwas in den Opferstock werfen". Ich war baff… In dieser Kirche ist wirklich alles anders… Ich habe schon in sehr vielen Kirchen Kerzen angezündet aber noch nirgendwo habe ich eine Kerze kostenlos erhalten. Meine Freude darüber hat der Opferstock dann aber auch gleich zu spüren bekommen…

    

1989 kamen immer mehr Ausreisewillige und Regimekritiker aus der gesamten ehemaligen DDR in die Nikolaikirche. Ab Mai wurden die Zufahrtswege zur Kirche überwacht. Selbst die Autobahnabfahrten wurden Montags zur Zeit der Friedensgebete gesperrt. Trotz allem kamen immer mehr Menschen zu diesen Gebeten und die 2000 Plätze in der Kirche reichten nicht mehr aus. Viele Menschen warteten auf der Straße und im Anschluss an die Gebete kam es sehr oft zu Verhaftungen und Schläge durch die Volkspolizei. Dann kam, 2 Tage nach dem 40sten Jahrestag der DDR, der 9.Oktober und zu den Montagsgebeten wurden ca. 1000 SED Genossen beordert. Ca. 600 von ihnen waren bereits am Mittag in der Kirche. Auch viele Stasileute beobachteten diese Gebete. An diesem 9. Oktober aber waren 1000e Mitbürger erschienen und in der Kirche war bei weitem nicht genügend Platz. Irgendetwas lag in der Luft. Draußen warteten Hundertschaften von bewaffneten Polizisten…

Zum Abschluss des Gebetes wurde noch einmal der eindeutige Appell zur Gewaltlosigkeit ausgegeben und Pfarrer Führer erzählte bei seiner Rede 2005, das er seinen Augen nicht traute als er danach mit den Menschen die Kirche verlies. Draußen standen Zehntausende mit brennenden Kerzen "bewaffnet" und beteten. Wenn man einen brennende Kerze trägt, so sagte er, dann braucht man dafür zwei Hände eine um die Kerze zu halten und die andere um die Flamme zu schützen damit sie nicht ausgeht. So kann man keine Hand mehr frei für Steine oder Knüppel… Die draußen wartenden Polizisten und Armeeangehörige waren machtlos. Die Panzer zogen sich zurück. Viele der "Einsatzkräfte" schlossen sich teilweise sogar dieser friedlichen Demonstration an.

Ich werde diese Worte von Pfarrer Christian Führer nie vergessen…

    

Der angehörige des Zentralkomitees der SED, Sindermann, sagte kurz vor seinem Tod: "Wir waren auf alles vorbereitet, hatten alles geplant und mit allem gerechnet. Nur mit Gebeten und brennenden Kerzen… damit hatte niemand von uns gerechnet".

Pünktlich und "zufälligerweise" gab es in der Zeitung einen Artikel in dem es hieß, dass man endlich mit der Konterrevolution Schluss machen müsse und wenn es sein müsse auch mit Waffengewalt…

Wer weiss, wie alles gekommen wäre, wenn die Bürger der ehemaligen DDR nicht so friedlich durch die Strassen gezogen wären…

Der Name Nikolai kommt aus dem Griechischen und besteht eigentlich aus zwei Worten Nikos, das bedeutet "der Sieger" und Laos, das bedeutet "das Volk"…

Nun saß ich hier auf einer der weißen Bänke… (wieder eine Bank) und das alles geht mir noch einmal durch den Kopf. Ich sehe wie die Kerzen im Osterlichtbaum flackern und ich bete… Ich bete für meinen Onkel, meine Familie und für all diese Menschen die das "Wunder" der Wiedervereinigung mit ihrem friedlichen Protest erst möglich gemacht haben. Ich danke Gott weil alles so gekommen ist…

    

Matthias ein Forumsfreund hat mir die folgende Widmung in sein Buch "Hautnah" geschrieben: "Jeder Mensch sollte irgendwo SEINE Bank haben". Er bezog sich da auf "meine Bank" in San Francisco. Ich habe an vielen Orten "meine Bank" gefunden, eine ist weiss und steht in der Nikolaikirche von Leipzig!

Nach einem kleinen Rundgang durch die Innenstadt von Leipzig bin ich pünktlich an der Bushaltestelle zur Stadtrundfahrt. Leider bin ich der Einzige der um 13:00 Uhr fahren möchte und die Fahrt fällt aus… Was soll’s, ich komme bestimmt noch einmal nach Leipzig und dann wird auch die Stadtrundfahrt nachgeholt. Statt der Rundfahrt schaue ich mir an wie weit man denn mit dem Tunnelbau unter der Stadt ist. Ich erfahre, dass der Tunnel schon "gebohrt" ist und es nun an die Fertigstellung geht. Im nächsten Jahr soll dieser Tunnel der Öffentlichkeit übergeben werden.

Als ich auf meinen Bus zum Flugplatz warte sehe ich gegenüber eine Hauswand die gerade neu bemalt wird. Vieles von dem, was ich dort sehe passt zu den Gedanken die in diesem Moment durch meinen Kopf rasen…

    

Im Flugzeug war ich, so glaube ich, diesmal der älteste Passagier, denn die Maschine war voll mit jungen Leuten die an die Costa Brava flogen. Vielleicht waren viele von ihnen Kinder von den Leuten, die 1989 unter anderem dafür gekämpft haben, dass man heute von Altenburg nach Barcelona/Girona fliegen kann…

In Spanien gab’s sehr starken Wind und wir wurden alle kräftig durchgeschüttelt. Der Pilot hatte alle Mühe die Maschine richtig zu landen aber er schaffte es ohne große Probleme. Nie habe ich in einer Ryanairmaschine solch einen "Landungsapplaus " vernommen. Ich habe sogar mitgeklatscht… weniger für den Piloten sondern vor lauter Freude darüber, das ich trotz allem Krisengerede wieder einmal feststellen durfte, dass sich die Welt in die richtige Richtung dreht.

Auch das gehört für mich zu den "blühenden Landschaften" von denen Helmut Kohl seinerzeit sprach und vielleicht sollte ich ihm einfach diesen kleinen Reisebericht mailen…


Gästebuch

Vielleicht findet das naechste Minitreffen in Lloret de Mar statt...

Ende



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